Schreiben lernen
Schreibenlernen beginnt lange vor dem ersten geschriebenen Buchstaben. Eine flüssige und gut lesbare Handschrift entwickelt sich auf der Grundlage zahlreicher Vorläuferfähigkeiten wie Körperwahrnehmung, Feinmotorik, Auge-Hand-Koordination und einer günstigen Stifthaltung. In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Voraussetzungen Kinder für das Schreibenlernen benötigen, wie ein erfolgreicher Anfangsunterricht aussehen sollte und warum die Wahl der Ausgangsschrift entscheidend für die spätere Schreibkompetenz sein kann.
DEUTSCH
Gina Bracht


Schreiben lernen: Warum eine gute Handschrift nicht von allein entsteht
Viele Kinder freuen sich darauf, endlich schreiben zu lernen. Sie möchten ihren Namen schreiben, kleine Nachrichten verfassen oder Geschichten erfinden. Doch schon nach wenigen Schulwochen zeigen sich oft große Unterschiede: Einige Kinder schreiben flüssig und locker, andere verkrampfen, ermüden schnell oder produzieren kaum lesbare Buchstaben.
Dabei wird häufig übersehen, dass Schreiben eine der komplexesten Kulturtechniken überhaupt ist. Bevor ein Kind Buchstaben sicher und automatisiert schreiben kann, müssen zahlreiche körperliche, motorische und kognitive Voraussetzungen entwickelt sein.
Eine gut lesbare Handschrift entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis eines sorgfältig aufgebauten Lernprozesses.
Schreiben beginnt lange vor der Schule
Wenn Erwachsene an Schreibenlernen denken, denken sie meist an Buchstaben. Tatsächlich beginnt die Vorbereitung jedoch bereits im Vorschulalter.
Kinder erwerben wichtige Grundlagen beim:
Malen
Basteln
Kneten
Bauen
Schneiden
Fädeln
Klettern
Balancieren
All diese Tätigkeiten fördern Fähigkeiten, die später für das Schreiben benötigt werden.
Welche Vorläuferfähigkeiten braucht ein Kind?
1. Eine stabile Körperhaltung
Schreiben beginnt nicht in der Hand, sondern im gesamten Körper. Kinder benötigen:
eine gute Rumpfstabilität
ausreichend Muskelspannung
eine aufrechte Sitzhaltung
stabile Schulter- und Armgelenke
Wer bereits beim Sitzen große Kraft aufbringen muss, hat weniger Energie für die feinen Bewegungen der Finger.
2. Ausgereifte Feinmotorik
Die Hand muss präzise Bewegungen ausführen können. Dazu gehören:
gezieltes Greifen
dosierter Krafteinsatz
Fingerbeweglichkeit
unabhängige Fingerbewegungen
Kinder trainieren diese Fähigkeiten beispielsweise durch:
Perlen auffädeln
Schrauben und Drehen
Kneten
Schneiden
Steckspiele
3. Auge-Hand-Koordination
Das Kind muss sehen und gleichzeitig kontrollieren können, was die Hand macht. Diese Fähigkeit wird gefördert durch:
Nachspuren
Labyrinthe
Malaufgaben
Ballspiele
Bau- und Konstruktionsspiele
4. Visuelle Wahrnehmung
Kinder müssen Formen unterscheiden und speichern können. Wichtige Fähigkeiten sind:
Formwahrnehmung
Lage im Raum
Richtungssicherheit
Mustererkennung
Diese Kompetenzen helfen später dabei, Buchstaben wie:
b und d
p und q
m und n
sicher auseinanderzuhalten.
5. Eine funktionale Stifthaltung
Die optimale Stifthaltung entwickelt sich nicht immer von selbst. Idealerweise wird der Stift im Dreipunktgriff gehalten:
Daumen
Zeigefinger
Mittelfinger
arbeiten zusammen und ermöglichen eine lockere und weite Bewegungsführung.




Wie sieht ein idealer Anfangsunterricht aus?
Leider beginnt der Schreibunterricht häufig zu früh mit Buchstabenformen und Arbeitsblättern. Dabei sollten zunächst die grundlegenden Bewegungsmuster aufgebaut werden.
Ein guter Anfangsunterricht umfasst mehrere Stufen.
1. Großräumige Schreibbewegungen
Kinder sollten zunächst Bewegungen mit dem ganzen Arm ausführen - auch über die Mittellinie (eigene Körperachse) hinaus:
"Buchstaben-Tai Chi"
Schwungübungen an der Tafel
Schreiben im Sand
Malen auf großen Papierbögen
Nachfahren von Wegen und Linien
Dadurch entwickeln sich Bewegungsfluss und Rhythmus. Wenn Kinder dabei ein Jongliertuch, einen Pinsel oder einen "Zauberstab" in der Hand halten, trainieren sie gleichzeitig schon die Stifthaltung.
2. Formelemente statt Buchstaben
Vor den Buchstaben stehen Grundformen:
Kreise
Schleifen
Bögen
Wellen
Geraden
Fast alle Buchstaben setzen sich aus diesen Elementen zusammen. Die Schwungübungen sollten in alle Richtungen mühelos und flüssig verlaufen. Kreise z.B. malen rechtshändige Kinder oft rechts herum in die Luft oder auf Papier. Beim Schreiben brauchen wir aber die Kreisbewegung linksherum. Auch die Wechsel der Bewegungsrichtung sind nach solchen Schwungübungen kein Problem mehr.
3. Automatisierung der Bewegungen
Kinder benötigen viele Wiederholungen, um Bewegungen zu verinnerlichen. Dabei sollte die Aufmerksamkeit auf folgende Aspekte gelenkt werden:
Bewegungsrichtung
Bewegungsfluss
Lockerheit
Rhythmus
Nicht Geschwindigkeit, sondern Sicherheit ist zunächst entscheidend.
4. Buchstaben systematisch einführen
Schreibschriftbuchstaben sollten nach Bewegungsfamilien geordnet werden, z.B.:
Schleifenbuchstaben
e
l
b
Rundbuchstaben
a
c
o
d
Dadurch können Kinder bereits bekannte Bewegungsmuster nutzen.
5. Schreiben von Anfang an sinnvoll einsetzen
Kinder schreiben motivierter, wenn sie echte Inhalte verfassen dürfen:
Namenskarten
Briefe
Einkaufszettel
Geschichten
kleine Forschungshefte
Schreiben sollte immer auch Kommunikation sein.
Was tun bei ungünstiger Stifthaltung?
Viele Kinder entwickeln bereits vor der Schule eine ungünstige Stiftführung. Typische Beispiele:
Faustgriff
Vierfingergriff
eingeklemmter Daumen
stark verkrampfte Haltung
Je länger sich diese Haltung bereits eingeprägt hat, desto schwieriger wird eine Veränderung.
Wichtig: Nicht korrigieren, sondern überzeugen
Kinder ändern Gewohnheiten selten, weil Erwachsene es verlangen. Sie ändern sie eher, wenn sie selbst Vorteile erleben. Hilfreiche Strategien sind:
Positive Erfahrungen schaffen
Das Kind erlebt:
weniger Druck
weniger Schmerzen
schnelleres Schreiben
schönere Schrift
Kurze Übungsphasen
Lieber täglich fünf Minuten als einmal wöchentlich dreißig Minuten.
Geeignete Hilfsmittel
Dreikantstifte
Griffhilfen
kurze Bleistifte
Wachsmalblöcke
Sie erleichtern die Entwicklung eines funktionalen Griffs.
Erfolg sichtbar machen
Vergleiche von Schriftproben zeigen Kindern häufig selbst, welche Haltung günstiger funktioniert. Mehr in meinem Blogbeitrag zur Stifthaltung...




Warum die Vereinfachte Ausgangsschrift problematisch sein kann
Die Bezeichnung Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) ist irreführend. Die Schrift wurde eingeführt, um angeblich Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern. Dabei wurde das "Setzen" der Buchstaben für Drucksachen vereinfacht, da sich die Schrift konsequent an der Mittellinie orientiert. Viele Schreibdidaktiker, Ergotherapeuten und Lerntherapeuten berichten von Schwierigkeiten im späteren Schreibprozess und es handelt sich auch nicht um eine "verbundene" Schrift.
Die Verbindung der Buchstaben wird nicht konsequent aufgebaut
Alle Buchstaben der VA werden einzeln geschrieben und anschließend verbunden. Dadurch entstehen häufig:
Unterbrechungen im Schreibfluss
zusätzliche Ansatzbewegungen
langsamere Schreibgeschwindigkeit
die Schrift wirkt zackig wie ein "EKG"-Bild
Der Bewegungsfluss leidet
Eine flüssige Handschrift lebt von rhythmischen Bewegungen. Die VA fördert eher das Aneinanderreihen einzelner Buchstabenformen als das flüssige, kontinuierliche Schreiben.
Individualisierung wird erschwert
Langfristig entwickelt jeder Mensch eine persönliche Handschrift. Eine Ausgangsschrift sollte diesen Prozess unterstützen und nicht durch viele isolierte Bewegungsabläufe erschweren. Oft finden die Kinder ihre VA-Handschrift nicht schön oder können sie selbst kaum lesen, weshalb die meisten wieder zur Druckschrift zurückkehren.
Alle Ausgangsschriften - auch die Lateinische Ausgangsschrift (LA) als auch die Schulausgangsschrift (SA) - sind "Ausgangsschriften". D.h., sie sollen beispielhaft erlernt werden, um daraus eine persönliche Handschrift zu entwickeln. Ich empfehle, den Kindern, die Schwierigkeiten mit manchen Buchstaben haben, Varianten anzubieten zum Ausprobieren und sich dann zu entscheiden.
Internationale Forschung betont die Bedeutung flüssiger Bewegungsmuster
Moderne Schreibforschung zeigt, dass automatisierte Schreibbewegungen die kognitive Belastung reduzieren. Kinder, die flüssig schreiben können, haben mehr Aufmerksamkeit für:
Rechtschreibung
Satzbau
Inhalte
Kreativität
Wenn die Handschrift dagegen dauerhaft viel Aufmerksamkeit bindet, leidet häufig die Qualität der geschriebenen Texte.
Eine wichtige Erkenntnis
Das Ziel des Schreibunterrichts ist nicht die perfekte Schönschrift. Das Ziel ist eine Schrift, die:
lesbar ist,
flüssig geschrieben werden kann,
wenig Kraft kostet,
individuelles Schreiben ermöglicht.
Je früher Kinder günstige Bewegungsmuster entwickeln, desto leichter fällt ihnen später das Schreiben längerer Texte.
Fazit
Schreibenlernen beginnt lange vor dem ersten Schulheft. Eine gut lesbare und flüssige Handschrift basiert auf vielfältigen Vorläuferfähigkeiten wie Körperstabilität, Feinmotorik, Wahrnehmung und einer funktionalen Stifthaltung. Ein erfolgreicher Anfangsunterricht setzt deshalb nicht bei Buchstabenformen an, sondern bei den Bewegungen, aus denen Schrift entsteht.
Wer Kindern ausreichend Zeit für diese Grundlagen gibt, schafft die besten Voraussetzungen für eine entspannte Handschrift, erfolgreiche Schreibentwicklung und langfristige Freude am Schreiben.
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