Wie dein Kind den Zehnerübergang lernt

Die Zehnerüberschreitung und Zehnerunterschreitung gehören zu den wichtigsten Entwicklungsschritten im Mathematikunterricht der Grundschule. Viele Kinder können Aufgaben im Zahlenraum bis 10 sicher lösen, geraten aber ins Stocken, sobald sie über die Zehn hinausrechnen müssen. Warum das so ist, welche Denkstrategien Kinder benötigen und wie Eltern und Lehrkräfte den Lernprozess unterstützen können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

MATHEMATIK

Gina Bracht

Zehnerüberschreitung und Zehnerunterschreitung: Der entscheidende Schritt zum flexiblen Rechnen

Für viele Kinder ist die Zahl 10 eine magische Grenze. Solange Aufgaben wie 4 + 3 oder 8 – 2 gelöst werden sollen, fühlen sie sich sicher. Doch plötzlich tauchen Aufgaben auf wie:

8 + 5

oder

13 – 7

Jetzt reicht das einfache Zählen oft nicht mehr aus. Kinder müssen lernen, Zahlen flexibel zu zerlegen und Beziehungen zwischen Zahlen zu nutzen. Genau hier beginnt die Zehnerüberschreitung und Zehnerunterschreitung – ein Meilenstein auf dem Weg zum sicheren Rechnen.

Was bedeutet Zehnerüberschreitung?

Von einer Zehnerüberschreitung spricht man, wenn das Ergebnis einer Addition die Zehn überschreitet. Zm Beispiel:

  • 8 + 5 = 13

  • 7 + 6 = 13

  • 9 + 4 = 13

Kinder können solche Aufgaben anfangs oft nur zählend lösen: 8 ... 9, 10, 11, 12, 13

Dieses Vorgehen funktioniert zunächst, wird aber bei größeren Zahlen schnell zu langsam und fehleranfällig.

Was bedeutet Zehnerunterschreitung?

Bei der Subtraktion spricht man von einer Zehnerunterschreitung, wenn beim Rechnen die Zehnergrenze unterschritten wird. Zum Beispiel:

  • 13 – 5 = 8

  • 12 – 7 = 5

  • 15 – 8 = 7

Auch hier greifen viele Kinder zunächst auf zählendes Rückwärtsrechnen zurück:

13 ... 12, 11, 10, 9, 8

Langfristig brauchen sie jedoch flexiblere Strategien.

Warum ist die Zehn so wichtig?

Unser Zahlensystem basiert auf dem Dezimalsystem. Das bedeutet:

  • 10 Einer ergeben einen Zehner.

  • 10 Zehner ergeben einen Hunderter.

Die Zahl 10 ist deshalb ein zentraler Orientierungspunkt. Kinder, die die sogenannte Kraft der Zehn verstehen, können deutlich leichter rechnen. Sie erkennen beispielsweise:

8 + 2 = 10

und nutzen dieses Wissen für schwierigere Aufgaben.

Welche Voraussetzungen brauchen Kinder?

Bevor Kinder Zehnerüberschreitungen sicher bewältigen können, sollten sie:

  • Mengen bis 10 sicher erfassen,

  • Zahlen zerlegen können,

  • Ergänzungen zur 10 kennen,

  • Zahlbeziehungen verstehen,

  • Zahlen nicht nur zählen, sondern strukturieren.

Besonders wichtig sind die sogenannten Zerlegungen der Zehn:

  • 1 + 9

  • 2 + 8

  • 3 + 7

  • 4 + 6

  • 5 + 5

Diese Kombinationen sollten möglichst automatisiert sein.

Die zentrale Strategie: Rechnen über die Zehn

Betrachten wir die Aufgabe:

8 + 5

Viele Kinder lernen zunächst: 8 ... 9, 10, 11, 12, 13

Mathematisch günstiger ist jedoch folgende Strategie: 8 braucht 2 bis zur 10. Von den 5 werden zunächst 2 genutzt: 8 + 2 = 10

Es bleiben noch 3 übrig: 10 + 3 = 13

Also: 8 + 5 = 13

Das Kind nutzt die Zehn als Rechenhilfe.

Warum das Zerlegen so wichtig ist

Kinder müssen erkennen: 5 kann zerlegt werden in:

  • 2 und 3

  • 1 und 4

Je nach Aufgabe wird die passende Zerlegung gewählt. Dieses flexible Denken ist die Grundlage des verständigen Rechnens. Wer Zahlen nicht zerlegen kann, bleibt oft lange beim zählenden Rechnen.

Zehnerunterschreitung verständlich machen

Betrachten wir:

13 – 5

Auch hier hilft die Zehn. Zunächst wird bis zur Zehn gerechnet:

13 – 3 = 10

Von den 5 sind nun 3 verbraucht. Es bleiben noch 2:

10 – 2 = 8

Also: 13 – 5 = 8

Kinder lernen, die Zehn als Zwischenstation zu nutzen.

Welche Materialien helfen besonders?

Das Zehnerfeld

Das Zehnerfeld macht die Struktur der Zehn sichtbar. Kinder sehen: 8 besteht aus 5 + 3

Fehlen noch 2 bis zur 10. Dadurch werden Zerlegungen anschaulich.

Zwanzigerfeld

Für die Zehnerüberschreitung ist das Zwanzigerfeld besonders hilfreich. Beispiel:

8 + 5

Die ersten zwei Plättchen füllen die Zehn auf. Die restlichen drei wandern ins nächste Feld. Die Struktur wird sichtbar.

Rechenrahmen

Der Rechenrahmen zeigt die Bündelung zur Zehn sehr deutlich. Kinder können die Bewegung der Kugeln beobachten und nachvollziehen.

Wendeplättchen

Mit Plättchen lassen sich Aufgaben handelnd darstellen. Kinder können:

  • ergänzen,

  • wegnehmen,

  • zerlegen,

  • umgruppieren.

Zahlenstrahl

Der Zahlenstrahl unterstützt Kinder beim Übergang vom konkreten zum abstrakten Rechnen.

Wichtig ist jedoch, dass er nicht dauerhaft als Zählhilfe genutzt wird.

white ruler on brown wooden table
white ruler on brown wooden table

Häufige Schwierigkeiten

Das Kind zählt alles einzeln

8 + 5

Das Kind zählt: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und anschließend weiter. Hier fehlt häufig das Verständnis für Zahlbeziehungen.

Zerlegungen sind unsicher

Wenn ein Kind nicht weiß: 8 + 2 = 10 wird die Zehnerüberschreitung sehr schwer.

Die Zehn wird nicht als Orientierungspunkt genutzt

Manche Kinder rechnen 8 + 5 als reine Zählaufgabe und erkennen die Struktur nicht.

Rückwärtszählen bei Minusaufgaben

Viele Kinder lösen: 13 – 5 durch fünf einzelne Rückwärtsschritte. Das funktioniert zunächst, verhindert aber die Entwicklung flexibler Strategien.

Übungen für zu Hause und in der Schule

Blitzzerlegungen

Fragen Sie: „Welche Zahlen ergeben zusammen 10?“ Antworten sollten möglichst schnell kommen:

  • 7 und 3

  • 8 und 2

  • 6 und 4

Zehner-Freunde-Spiel

Zahlenkarten von 0 bis 10 werden verteilt. Kinder suchen ihren „Zehner-Freund“. Wer eine 3 hat, sucht die 7. Wer eine 1 hat, sucht die 9.

Ergänzen bis 10

Fragen:

  • 8 und wie viel ergeben 10?

  • 6 und wie viel ergeben 10?

  • 9 und wie viel ergeben 10?

Diese Aufgaben sind die Grundlage aller Zehnerüberschreitungen.

Rechengeschichten

„Im Bus sitzen 8 Kinder. An der nächsten Haltestelle steigen 5 weitere Kinder ein.“ Wie viele Kinder sitzen jetzt im Bus? Solche Geschichten helfen Kindern, Rechenoperationen mit Alltagssituationen zu verbinden.

Was Lehrkräfte beachten sollten

Die Zehnerüberschreitung sollte nicht als Regel oder Schema eingeführt werden.

Kinder müssen zunächst verstehen:

  • warum Zahlen zerlegt werden,

  • warum die Zehn hilfreich ist,

  • wie Zahlbeziehungen genutzt werden können.

Erst danach können Rechenstrategien automatisiert werden. Entscheidend ist nicht, dass Kinder eine Methode auswendig anwenden, sondern dass sie die Struktur der Zahlen verstehen.

Fazit

Die Zehnerüberschreitung und Zehnerunterschreitung markieren einen wichtigen Entwicklungsschritt im Mathematiklernen. Kinder verlassen das einfache Zählen und beginnen, Zahlen flexibel zu zerlegen und Beziehungen zwischen ihnen zu nutzen.

Wer die Zahl 10 als zentralen Orientierungspunkt versteht, kann Aufgaben effizient und sicher lösen. Materialien wie Zehnerfelder, Zwanzigerfelder und Rechenrahmen machen diese Zusammenhänge sichtbar und helfen Kindern dabei, tragfähige Rechenstrategien aufzubauen.

Die wichtigste Grundlage bleibt jedoch ein sicheres Zahlverständnis. Denn nicht Rechenregeln führen zum Erfolg, sondern das Verständnis dafür, wie Zahlen miteinander verbunden sind.

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